Die Terrorwelt ist im Umbruch. Wie werden nach Al-Baghdadis Tod im internationalen Terrorismus die Karten neu gemischt?

22. Juni 2021

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Uwe G. Kranz

BS-Beitrag Dezember 2019

Abu Bakr al-Baghdadi sprengte sich am 27.10.2019 am Ende eines der Fluchttunnel seines letzten Domizils im syrischen Barischa, nahe der türkischen Grenze, mit einer Selbstmordweste in die Luft und riss dabei zwei seiner Töchter mit in den Tod. Leichenteile und Datenträger mit sieben Terrabyte Datenmaterial klaubten die Soldaten aus den Trümmern. Das zerbombte Anwesen wurde von den US-Kräften mit Hellfire-Raketen und Missiles beim Verlassen des Areals dem Erdboden gleich gemacht. Die Leichenteile erfuhren eine unverzügliche „Meeresbestattung“ der robusteren Art.

Schon ein Tag später konnte auch die Jagd auf den internationalen Pressesprecher und potentiellen Nachfolger Abu al-Hassan al-Muhajir in Ain al-Bayda, nahe dem nordsyrischen Jarablus, mit einem CIA-Luftangriff abgeschlossen werden. Kurz darauf gab die Türkei bekannt, auch die Schwester des Terror-Anführers, Rasmija Awad mit ihrer Familie im nordsyrischen Asas festgenommen zu haben[1]. Alle Informationsmaterialien und Daten, die bei diesen Zugriffen sichergestellt werden konnten, wanderten zur Auswertung zu den Analysezentren von CIA, DIA, NSA oder MIT. Deren Analysten sprechen von wahren „Schatzfunden“ und „Goldminen“. Ganz sicher werden den Sicherheitsbehörden damit in den nächsten Wochen tiefe Einblicke in den Daesh ermöglicht, denen weltweit Schläge gegen den Daesh, Festnahmen und Sicherstellungen, folgen werden.

Nur wenige Tage später bestätigte der Daesh auch offiziell den Tod des Mannes, der die Terrororganisation fast eine Dekade lang führte. Er hatte den Islamische Staat im Irak (ISI) 2010 übernommen. Nach Ansicht des US-Militärs galt er damals als „am Boden zerstört“. Aus dem kleinen Haufen 200 bis 300 verbliebener Kämpfer des ISI formte er, vor allem mit Hilfe von Haji Bakr („the secret architect“), einem ehemaligen Geheimdienstoffizier der irakischen Armee, strategisch durchdacht, Schritt für Schritt, die Struktur seines kommenden Kalifates. Taktisch klug betrieb er eine schleichenden Infiltration Syriens („creeping expansion“) durch ein Da‘wa-gestütztes Spionagesystem zur Vorbereitung der Machtübernahme, Erfassung und Eliminierung eventueller Gegner und zum Aufbau der Terrororganisation Jabhat al-Nusra. Zusätzlich begünstigt wurde dies ab 2011 durch den Abzug der US-Truppen aus dem Irak und dem Ausbruch dessen, was die westlichen Medien als syrischen „Bürgerkrieg“ nannten. Schon 2013 gelang ihm der Aufbau des „Islamischen Staat im Irak und in Syrien (ISIS)“, nach weiterer Ausweitung seiner Machtbasis in Syrien auch ISIL genannt, weil die gesamte Levante Teil seines Kalifats sei. Am 29. Juni 2014 rief er in der Moschee von Mosul sein Kalifat aus, verlangte Gehorsam von allen Muslimen und forderte von der Welt, sein blutiges Kalifat künftig den „Islamischen Staat“ zu nennen. Diesem Aufruf sind leider allzu viele aus Politik, Sicherheitsbehörden und Medien gefolgt.

Schon der Tod von Osama bin Laden in 2011 führte nicht zum Ende von Al-Qaida und seinen Filialen. Im Gegenteil, er führte zusätzlich zur Entstehung des noch radikaleren, noch brutaleren Daesh und zur konkurrierenden Rivalität, zu einem für die Welt tödlichen Wettkampf dieser beiden großen Terrororganisationen um den ersten Platz. Der Tod Al-Baghdadis in 2019 bedeutete zunächst ein erfolgreicher, ja ein großer Schlag gegen die Terrorzentrale des Daesh in Syrien und im Irak. Stimmt dies aber auch für seine Terrororganisation und deren Provinzen? Angesichts der Entwicklung des islamischen Terrors weltweit, sollte man nicht wetten, dass aus der Tötung der Anführer zugleich eine sicherere Welt entstünde. Weltweit war daher natürlich von höchstem Interesse, wer nach seinem Tod die Nachfolge antreten werde.

Einer der ersten Namen, der fiel, war der von Abdullah Qardash (Karshesh), auch bekannt unter dem Namen Hajji Abdullah al-Afari. Seine Spitznamen lauten „Der Professor“ oder „Der Zerstörer“. Auch er gehörte der irakischen Saddam-Armee an, zuletzt war er als Offizier im Daesh für „Muslimische Angelegenheiten“ zuständig. Die Wahl der Shura, eine Art Regierungsrat der Terrororganisation, fiel innerhalb weniger Tage auf Amir Muhammad Sa’id Abdal-Rahman Al-Mawla, auch bekannt als Hajii Abdallah. Die Schnelligkeit, mit der die Reaktion auf al-Baghdadis Tod, die Neuwahl seines Nachfolgers, die Wahl des neuen Pressesprechers und die PR-mäßige Umsetzung all dessen erfolgte, zeigt, dass die entscheidungspolitischen und bürokratischen Strukturen des Daesh nach wie vor voll intakt sind.

Als offiziellen Nachfolger des Kalifen verkündete der Daesh am 31.20.2019 über telegram jedoch Abu Ibrahim al Hashimi al-Qurayshi, über den weltweit weder Informationen noch Bilder vorliegen. Die Verkündung des Namens des neuen Kalifen wurde von seinem neuen Pressesprecher, genannt Abu Hamza al-Qurayshi, vorgenommen, dessen Name aber ebenfalls bislang unbekannt war und ist. Man muss davon ausgehen, dass es sich um eigens für die neue Positionen gegebenen noms de guerres handelt, die eine unmittelbare Nachfolge der beiden vom arabischen Handelsstamm der Quraisch suggerieren sollen, dem einst auch Mohammed entstammte. Damit sollen wohl deren Legitimationen überhöht und die Akzeptanz zur Unterwerfung (Treueid) unter dem neuen Kalifen eingefordert werden. Hajii Abdallah dürfte aktuell der Nachfolger sein.

Publizistische und terroristische „Glanzpunkte“ müssen jetzt gesetzt werden“

Auch zur aktuellen „Gefechtslage“ macht die über siebenminütige Botschaft eine eindeutige Aussage: „Do not be happy America, for the death of Sheikh al-Baghdadi“ warnte der Absender und fragte mahnend, ob Amerika nicht sehe, dass der (islamische) Staat nun „an den Türschwellen von Europa und Zentralafrika“ stehe. Weitere Botschaften und Taten sind in sehr naher Zukunft zu erwarten, schließlich trägt Kalif Hashimi al-Qurayshi von nun an eine schwere Last: Er muss die Terrorgruppe weltweit anführen, die Provinzen auf sich, den neuen Kalifen, vereinen und einschwören, die Führungsstrukturen stabilisieren und straffen, Geld und Ausrüstung heranschaffen und die Moral der Truppe in dieser schweren Phase stärken. Dafür muss er publizistische und terroristische „Glanzpunkte“ setzen, die das Feuer der Begeisterung neu entflammen oder fortdauern lässt. The show must go on! Die Androhung, dass der Daesh an der Türschwelle Europas stehe, lässt sich unschwer als Ankündigung vermehrter islamischer Attentate in der EU interpretieren, denn in der Tat haben diese in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen[2] und sind auf das Niveau von Messer-, Beil- oder Fahrzeugattacken im Rahmen des vom Daesh perfektionierten Virtual Plotter Model (VPM) „herabgesunken“[3]. Dass derartige Attentate aber dennoch durchaus das Zeug dazu haben, Hunderte oder vielleicht gar Tausende Menschen zu töten, hat zuletzt im Juni 2018 die rechtzeitige Festnahme des Kölner Rizin-Attentäters bewiesen[4]. Im gleichen Jahr konnten übrigens zwei andere gleichartigen biologischen Terror-Attentate in Frankreich und Italien verhindert werden; Auch diese Attentäter waren sozusagen vom Daesh nach dem VPM „ferngesteuert“. Davor waren fast alle Terroristen größerer Attentate nach ähnlichem Muster geführt worden, z.B. Seifeddine Rezgui in Sousse (2015), Abdelhamid Abaaoud in Paris (2015), Anis Amri in Berlin (2016) oder Salman Abedi in Manchester (2017). Im November 2019 lieferten die Festnahmen in Offenbach das aktuellste Beispiel. Ein Deutsch-Mazedonier und zwei Türken bereiteten den Bau von Bomben vor, um einen großen Anschlag, vermutlich im Rhein-Main-Gebiet, zu verüben.

Das VPM bewegt sich ganz auf der Linie des globalen Handbuchs des Dschihad, der führungslosen Widerstandsbewegung, entwickelt von Abu Mus’ab al-Suri.[5]

Der Daesh hat seine operativen Schwerpunkte längst diversifiziert: Neben dem immer noch schwelenden Flächenbrand mit einer nach Abzug der US-Truppen leider stetig zunehmenden Zahl an hochgefährlichen Brandnestern in seinem ehemaligen „syrakischen Reich“, vor allem im Krisenstaat Irak, hat er sein „Unternehmen auf neue Produktions- bzw. Produktbereiche“ umgestellt. Im asiatischen Raum (Afghanistan, Pakistan, Philippinen) wird er inzwischen gar als eine Terrororganisation eingestuft, die gefährlicher sei, als der Taliban oder Al-Qaida (AQIS). Im west- und zentralafrikanischen Bereich hat der Daesh eine neue Terrorzentrale auf der Basis seiner ehemaligen westafrikanischen Provinz (ISWAP) und Boko Haram aufgebaut und seinen Einflussbereich drastisch ausgeweitet: Von Nigeria aus auf, Kamerun, Mali, Niger, den Tschad, und selbst auf die Demokratische Republik Kongo, vor allem aber auf Burkina Faso, das in akuter Gefahr ist, zum zweiten Jemen zu werden.

Gleichzeitig hat er damit seinen regionalen Widersacher der Al-Qaida, die Jama’at Nasr al-Islam wal Muslimin (JNIM), ein Zusammenschluss der ehemaligen AQ-Filialen AQIM, Ansar Dine und Al-Murabitoun in 2017, in die Schranken gewiesen. Zur Erinnerung: JNIM entstand als UNITY-Bewegung auf Betreiben von Hamza bin-Laden, dem „Kronprinz des Torrors“, der im Sommer 2019 bei einem US-Luftangriff ebenfalls getötet wurde.

Kein Zweifel: Die Welt des islamischen Terrors ist im Umbruch. Dies gilt auf Seiten der sunnitischen Terroristen vor allem für den Daesh und seine weltweiten Provinzen, für die al-Qaida und ihre weltweiten Filialen und für die Hayat Tahrir al-Sham in Syrien mit ihren diversen Rebellengruppen. Auf Seiten der schiitischen Terroristen gilt es vor allem für den Iran, seinen al-Quds-Truppen und -Milizen, seinen Proxy-Kriegern im Gaza (Hamas/PIJ), im Libanon (Hisbollah), im Irak (PMF/U) und in Syrien. Gnade uns, wenn die islamischen Terroristen dieser Welt den wahren Wert ihrer neuen Losung „UNITY“ (Einigkeit, Geschlossenheit) erkennen und in die Tat umsetzen.

Endnoten:

[1] PNP vom 06.11.2019

[2] Europol, TESAT 2019

[3] VPM = Virtuelle Anstifter Modell, mit dem künftige Terroristen zunächst auf digitalem Weg, später durch peer groups kontaktiert, instruiert, requiriert und instrumentalisiert werden; In allen Tatphasen erfolgt eine virtuelle Betreuung und Kontrolle durch den Daesh-„Führungsoffizier“, meist in verschlüsselter Form in diversen  Kommunikationsforen.

[4] Am 12.06.2018 wurden nach CIA-Hinweisen in Köln-Chorweiler der Tunesier Sief Allah M. und dessen konvertierte deutsche Ehefrau Yasmn D. festgenommen. Sie hatten einen biologischen Anschlag geplant und zu diesem Zweck bereits 84,3 mg  Rizin produziert; 3.150  Rizin-Samen waren zusätzlich gekauft worden, die noch bearbeitet hätten werden sollen. Nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts reichten die Rizinmengen, um in einem worst-case-scenario um maximal 13.500 Menschen zu töten und weitere 13.500 zu verletzen. Selbst unter Berücksichtigung, dass des den Tätern vermutlich nicht gelungen wäre, die höchstmögliche Dosis verdichtet einzusetzen, wäre die Anzahl der Toten und Verletzten dennoch vermutlich im dreistelligen Bereich anzusiedeln.

[5] The Global Islamic Resistance Call (GIT), 1,604-pages Manual (vergleichbar mit “Mein Kampf”)

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